Heftfächer 4/2017

Mehr Freiraum für Kinder

Im Interview mit Warum! erklärt Pädagogin Freya Pausewang, warum Kinder auch im Zeitalter der Digitalisierung vom Waldkindergarten profitieren können.

Spielen
Von Alexandra Werdes, 29.09.2017 0 Kommentare

Freiraum zum Spielen macht Kinder fit für die Herausforderungen der Zukunft. Das ist die Überzeugung der Pädagogin und Fachautorin Freya Pausewang, und diese These hat sie auch beim Bildungskongress „Invest in Future“ in Stuttgart in mehreren Workshops vertreten. Dort haben Pädagogen, Wirtschaftsvertreter und Politiker gerade zwei Tage lang diskutiert, wie sich die „Gesellschaft 4.0“ auf die Kita-Welt auswirkt. Warum Kinder auch im Zeitalter der Digitalisierung vom Waldkindergarten profitieren können, erklärt Freya Pausewang im Interview mit Warum!

Pädagogin Freya Pausewang
Expertin Freya Pausewang

Frau Pausewang, lassen die Kitas den Kindern zu wenig Freiraum zum Spielen?

Pausewang: Pauschal würde ich das nicht sagen, aber es gibt oft zu wenig echtes Freispiel – also Zeiten, in denen die Kinder selbstbestimmt und miteinander entscheiden, was sie spielen. Häufig nutzen die Erzieherinnen die Zeit, um mit einzelnen Kindern zu arbeiten, die zum Beispiel Nachholbedarf bei der Sprache oder beim Zählen haben. Dadurch kommt die Begleitung des wirklich freien Spiels zu kurz und Kinder werden aus ihrem selbstbestimmten Spiel herausgeholt.

Warum ist das freie Spielen so wichtig?

Die Kita ist die erste Bildungseinrichtung, in der die Kinder in Gruppen mit Gleichaltrigen regelmäßig zusammenleben. Und bereits im Alter von zwei bis drei Jahren werden die Weichen für unser weiteres Sozialverhalten gestellt. Die Kindergarten-Kinder spiegeln sich in den anderen Kindern, sie lernen, wie sie Kontakt aufnehmen, bekommen eine Rückmeldung zum eigenen Verhalten. Sie merken zum Beispiel: das andere Kind wird ärgerlich, wenn ich ihm die Schaufel wegnehme. Um stetig weiter zu lernen und zu wachsen, brauchen sie aber Beziehungen. Ein Kind hat eine Idee, das nächste greift sie auf, beide entwickeln sie weiter. Diese Kooperationen sind wichtig, denn so kommt es zu gegenseitiger Bestärkung, zu einem Miteinander, in dem die Kinder Empathie lernen und Verantwortung übernehmen.

Geht es nur um das soziale Verhalten? Was lernen Kinder konkret?

Wir wachsen in Gemeinschaften. Ohne gute Beziehungen sind Kinder unsicher und können nicht lernen. Kinder sind von Natur aus lernbegierig. Dabei interessiert sie aber nicht unbedingt, was von außen an sie herangetragen wird, sondern, was ihnen selbst gerade wichtig erscheint. Wenn Kinder sich im freien Spiel selbst ihre Spielpartner aussuchen, mit denen sie ihre Ideen entwickeln können, ergeben sich diese positiven Lernsituationen sehr leicht. Es entsteht dann zwischen den Kindern eine begeisterte Stimmung über das eigene Tun, die neurobiologisch für die weitere Lernfähigkeit sehr wichtig ist. Das Gehirn schüttet Botenstoffe aus, die dafür sorgen, dass das neuronale Netzwerk ausgebaut wird. Bei einem Kind, das sich in der Kita nicht eingebunden fühlt, kann die Lernbereitschaft dagegen schnell nachlassen.

Besteht nicht gerade im freien Spiel die Gefahr, dass schüchterne Kinder hinten über fallen?

Natürlich gibt es dominante Kinder, die der Bestimmer sein wollen und andere Kinder nicht zu Wort kommen lassen. Deswegen ist es so wichtig, dass das freie Spiel beobachtet wird. Sonst fallen Konflikte immer erst dann auf, wenn es laut wird. Vielleicht muss aber schon früher auf die Rechte einzelner hingewiesen werden, einfach weil ein stilles Kind sonst zurückgedrängt wird. Deshalb ist es wichtig, die Kinder auch im Trubel des Freispiels genau im Auge zu behalten. Dafür muss ausreichend Personal da sein.

Wie können Eltern und Erzieher Kinder beim freien Spiel unterstützen?

Sie sollten das freie Spiel an sich wichtiger nehmen. Wenn ein Kind zum Beispiel aus der Gruppe heraus genommen wird, um mit einem Bilderbuch die Sprache zu üben, während die anderen spielen, dann wird Lernen oft gekoppelt mit „nicht schön“. Diese Lernübungen sollten möglichst zugunsten des Freispiels reduziert werden.

Welche Spielmaterialien sind besonders geeignet?

Kinder brauchen Material, mit dem sie selbst Probleme lösen können. Das können Stöcke oder Steine sein, die bei einem Spaziergang gesammelt wurden, Knete, Ton, Holzreste vom Schreiner oder auch Verpackungsmaterialien. Es gibt diesen Spruch, dass man Probleme nicht mit den Denkweisen lösen kann, in denen sie entstanden sind. Deshalb ist es für die Zukunftsfähigkeit der Kinder besonders wichtig, dass wir ihnen nicht zuviel vorgeben. Bei einem Puzzle oder einem Würfelspiel ist klar, was zu tun ist. Das mag dann auch eine herausfordernde Denkaufgabe sein; Kinder, die versuchen aus Papierrollen eine Burg zu bauen, werden anschließend aber ganz anders auf ihr Werk schauen. Kinder in Waldkindergärten sind zum Beispiel oft viel problemlösungsorientierter: Wenn sie Mutter-Vater-Kind spielen, dann wird der Baum zum Herd und das Blatt zum Geschirr. Die Kinder müssen da ideenreich sein. Angesichts der globalen Probleme brauchen wir davon in Zukunft mehr.

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