Muttis Mythen: Da platzt mir das Trommelfell

Kleine Kinder können unfassbar laut sein. Doch auch so laut, dass unser Ohr Schaden nehmen kann? Warum dieser Mythos eigentlich gar kein Mythos ist

Kolumnen
Von Anna Biß, 30.07.2022 0 Kommentare

Es ist Abend und Schlafenszeit. Zwei Kinder sind durch und schreien die Eindrücke des Tages heraus. Es ist ohrenbetäubend. Und trotz des ganzen Lärms höre ich mich trotzdem noch Muttis alten Spruch sagen: "Stopp, da platzt mir ja gleich das Trommelfell!" Kann das wirklich passieren, nur weil Kinder schreien?

Dazu müssen wir erst einmal wissen, wie laut ein Mensch bzw. ein Kind eigentlich schreien kann und ab welcher Lautstärke Geräusche gehörschädigend sind.

Fakt ist: ein Trommelfell kann platzen! Und zwar auch, wenn es plötzlichen sehr lauten Geräuschen ausgesetzt ist. 

Wenn etwas ein Geräusch macht, entstehen Schallwellen. Diese versetzen die Luft in Schwingung – und damit auch unser Trommelfell. Je lauter ein Geräusch ist, desto stärker ist die Schwingung. Die Stärke dieser Schwingung kann gemessen werden und wird in Dezibel (dB) angegeben. Und ab einer Lautstärke von 120 dB kann ein Trommelfell platzen. Das ist fast so laut wie ein startendes Flugzeug – oder, haltet Euch fest, ein wirklich laut schreiendes Baby oder Kleinkind!

Wie laut ist eigentlich ... ?

  • Blätterrascheln? – 10 dB!
  • ein singender Vogel? – 50 dB!
  • ein normales Gespräch? – 60 bis 65 dB!
  • ein Auto? – 70 bis 75 dB!
  • eine Fahrradklingel? – mindestens 75 dB!
  • ein Staubsauger? – 70 dB!
  • eine Bohrmaschine? – 80 dB!
  • eine Kindergartengruppe – bis über 100 dB!
  • ein Rockkonzert? – 110 dB!
  • ein Düsenjet? – 130 dB!
  • ein Autorennen? – 140 dB!
  • eine Spielzeugpistole (25 cm Abstand)? – 150 dB!
  • Gewehrschuss (in nächster Nähe)? 160 dB!

Ein "normaler" Schrei hat allerdings nur etwa 80 dB. Zum Vergleich: Bei hoher Lärmbelastung am Arbeitsplatz, zum Beispiel auf einer Baustelle, wird ab 85 dB empfohlen, einen Gehörschutz zu tragen. Damit läge das durchschnittliche Geschrei unter der gehörschädigenden Grenze und auch weit unter der Schmerzgrenze von 120 dB, bei der ein intaktes Trommelfell platzen kann.

Doch auch bei geringeren Lautstärken kann es zu Schädigungen des Innenohrs, also zum Beispiel des Trommelfells kommen. Nämlich dann, wenn jemand Schalldruckpegeln von 85 dB und mehr regelmäßig ausgesetzt ist. Meiner Meinung nach kann man damit uns Eltern durchaus zur Risikogruppe zählen ;-).

Übrigens ... Wer neugierig ist, wie laut das eigene Kind schreien kann: Es gibt kostenlose Handyapps, mit denen sich Schallmessungen durchführen lassen. In einer solchen unqualifizierten Lautstärkemessung habe ich bei meinen Kindern einen Spitzenwert von 105 dB erreicht – also durchaus gehörschädigend, wenn man dem Lärm über einen längeren Zeitraum hinweg ausgesetzt ist.

Auch andere Quellen legen nahe, dass laut schreiende Babys und Kleinkinder weit höhere Lautstärken als 80 dB erreichen – und zwar bis zu 120 dB. Wenn dann also auch noch mehrere Kinder gleichzeitig schreien, ist es durchaus möglich, dass mal ein Trommelfell platzt.

Auch bei einer ganzen Kindergruppe, sieht es anders aus. Erzieher*innen müssten bei der Arbeit eigentlich oft einen Gehörschutz tragen. Forscher*innen haben in Kitas Lärmpegel von über 100 dB gemessen, was definitiv im ohrenschädigenden Bereich liegt. Das gilt natürlich nicht nur für die Erwachsenen, sondern auch für die lärmenden Kinder selbst ist.

Also Mutti, in diesem Fall könntest Du recht haben und der Mythos vom platzenden Trommelfell ist gar kein richtiger Mythos.

Mögliche Auswirkungen von Lärm

  • ab 40 dB: Lern- und Konzentrationsstörungen
  • ab 60 dB: Hörschäden nach längerer Einwirkung
  • ab 65 dB: 20 % erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei längerer Einwirkung
  • ab 85 dB: Beschädigungsbereich, vor allem an lauten Arbeitsplätzen
  • ab 120 dB: Gehörschäden schon nach kurzer Zeit

(Quelle: Hansaton)

Shop

Auch interessant