Heftfächer 4/2017

Warum darf der Klabautermann das Schiff nicht verlassen?

Die Abende werden umso länger, je dichter Weihnachten rückt – warum nicht einfach mal bei Kerzenschein ein bisschen Seemannsgarn spinnen? Eine spannende Klabautermann-Geschichte.

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Von Jonny Peters, 18.12.2012 3 Kommentare

Eine steile Welle bricht über das Heck. Die durch die Seereling sprühende Gischt nimmt dem Steuermann die Sicht, das Salzwasser brennt in seinen Augen. Mit nachlassender Kraft klammmert er sich an die rutschigen Rudergriffe. Die bisher lauteteste Bö schüttelt das Rigg, ein Segel reißt ratschend entzwei. Das Ruder entgleitet ihm, die Brigg schlägt quer und hart schlägt die nächste Welle gegen den Rumpf, der die Gewalt nur mit ächzenden Geräuschen erwidert.

Der Rudergänger erlangt erneut Kontrolle über das Steuerrad, und in den kurzen Momenten, in denen das Schiff die Welle wie auf Schienen herunterfährt, nur um im nächsten Moment wieder aus der Bahn geworfen zu werden, denkt er an den Meeresgrund und seine Familie in Hamburg.

Die Freiwache kann nun auch nicht mehr unter Deck verweilen, sie will sich an Deck versammeln, um noch mehr Tuch zu bergen. Doch alle Arbeiten gegen das Wetter sind vergebens – der Wind zerstört immer mehr Teile der Segel. Da müssen sie auch schon wieder unter Deck eilen, denn der Schiffsjunge brüllt den Niedergang hinauf: „Die Kohle hat sich gelöst und verrutscht im Laderaum!”

Es dauert nicht lange, und zehn Tonnen von der schwarzen Ladung poltern im Frachtraum umher. Dunkler Staub füllt das Innere. Alle an Deck entbehrlichen Männer versuchen nun verzweifelt mit Steckschotten das Umherrutschen zu verhindern. Würde die Ladung auf eine Seite rollen, ginge das Schiff unter.

Unter Deck verstärkt sich das Seufzen des Rumpfes und das Pfeifen der Wanten. Fast regelmäßig erschallen hämmernde Geräusche von der Schiffswand, als wolle jemand prüfen, ob alle Planken noch halten. Mit einem markerschütternden Krachen zerbirst die Ladeluke. Der Fockbaum kracht in den Laderaum und begräbt sieben Männer unter sich. Das Seewasser dringt nun mit jeder überkommenden Welle ungehindert in das Innere des Schiffes.

Einen Vorteil bringt der Mannschaft die missliche Lage – die Staubwolke legt sich. Die Handleuchter werfen ihren flackernden Schein wieder auf die Ladung.

Zeichnung eines Klabautermannes
Der Klabautermann – eigentlich eine nützliche Sagengestalt

Etwas anderes als die Ladung zieht aber nun die Aufmerksamkeit der Männer auf sich – ein kleines Männlein, mit einem Hammer in der Linken und einer Tabakspfeife in der Rechten, stolpert umher und beklopft die Spanten und Wrangen. Die Crew weiß, diese sonderbare Gestalt gehört nicht zur Mannschaft. Nichtsdestotrotz führt diese ihre prüfende Arbeit fort, mit hochgezogenen Brauen und besorgten, blau-schimmernden Augen.

„Fort mit ihm”, brüllt der zweite Offizier von der Niedergangstreppe, der just heruntergestiegen war und die tatlosen Männer beim Betrachten des Winzlings beobachtet hatte, „das ist der Klabautermann! Seine Anwesenheit hat uns in diese Situation gebracht. Der einzige Weg, uns zu retten, ist, sich ihm zu entledigen! Werft ihn in die See!”

Weiterhin, wie gelähmt, verbleibt die Crew unter Deck, doch geschüttelt von den Schiffsbewegungen, nur der Smutje eilt zur Tat und packt die Gestalt. Mit kräftigem Griffe zerrt er ihn den Niedergang hinauf, stößt dabei gegen Mast und Wanten, verfängt sich im Tauwerk, befreit sich wieder und hastet in Richtung Reling. Eine Welle überspült das Deck, beide über die Brüstung, den Smutje in die brodelnde See.

Die Decksmannschaft sieht eine Hand sich an der Reling festklammern. Da tritt der Käptn an Deck, in schwerem, schwarzem Ölzeug, entschlossenen Schrittes an die Reling. Doch auch er kann der Wellengewalt nicht trotzen, wird gegen die Stützen gespült. Er erwischt den Hänfling in letzter Sekunde vor dem nächsten Brecher und schleudert ihn durch die Relingsstützen an Deck.

Sogleich rennt der Klabautermann wieder unter Deck. Der Käptn befiehlt, weiterzumachen, die Ladung zu sichern, ohne über den beinahe über Bord gegangenen blinden Passagiers ein Wort zu verlieren. Nachfragen der Crew entgegnet der Kapitän mit Schweigen. Das Männchen indessen ist in keinem Winkel des Schiffes mehr auffindbar. Nur vereinzelt meinen Matrosen, sein typisches Klopfen vernehmen zu können.

Noch weitere fünf lange Stunden halten die Männer aus. Schließlich legt sich der Sturm. Von der Brigg sind nur noch ein Mast und drei Segel übrig. Zehn Männern hat es das Leben gekostet, die Ladung ist hinüber.

In Hamburg angekommen, verkündet der Käptn dem Reeder, dass er unter seiner Flagge nie wieder ein Handelsschiff führen werde.

Kommentare

Bild des Benutzers Burkhard Brenk
Burkhard Brenk (nicht überprüft)
28. Juli 2015 - 11:47

Auch ich habe in unseren Dänemarkurlauben unserem Sohn immer wieder selbst erfundene Klabauterman-Geschichten erzählt Jetzt ist er schon Erwachsen und ich habe meine kleine Klabautermann geschichte in meiner Novelle " Unter Rauch geschwärzten Segeln"-einfiktiver Erlebnisbericht nach geschichtlichen Vorgaben über den Royal Mail Steamer SERVIA der britischen Cunard-Linie mit eingebracht. Dieses kleine Buch mit der ISBNNr.978-3-7375-1887-1 ist meine Fortsetzung der damaligen frei erzählten Klabautermann-Geschichten wenn die See rauschte und das Ferienhaus zitterte bei Blitz Donner und Sturm . Mit besten Grüssen von einer ergrauten Landratte mit Seewasser im Blut aus Aachen- zu sehen auf meiner Internetseite: www.Nordseegalerie.com

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Welke Akademie (nicht überprüft)
18. März 2014 - 10:40

Danke für diese Geschichte. Die Sagen über Kobolde und auch den Klabautermann fand ich schon immer spannend. Leider findet man bezüglich des Klabautermanns aber wenig Informationen. Ist es denn nicht so dass er den Seemännern eigentlich hilft? Da frage ich mich wieso der Kapitän ihn über Bord schmeißen lassen wollte. Durch das Klopfen wollte er doch überprüfen ob die Planken noch in Ordnung sind. Seltsamerweise findet man zum Beispiel bei Wikipedia auch den Eintrag dass man früher zur Abschreckung eines Klabautermanns ein Huhn mit an Bord genommen hat. Das macht für mich in der Hinsicht keinen Sinn dass dort auch steht dass er zum Beispiel beim Dichten des Schiffes hilft und somit doch eigentlich erwünscht sein müsste.

Bild des Benutzers Marie Henker
Marie Henker (nicht überprüft)
13. August 2014 - 17:31

Ich fand diese Geschichte super.
Einfach ohne wissenschaftlichen Schnickschnack.
Ich denke das kann man auch kleinen Kindern vorlesen.
Und diese Art Geschichten zaubern bestimmt auch anderen ein Lächeln ins Gesicht. Smile

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