Muttis Mythos: Erkältung kommt von Kälte

"Zieh Dir eine Jacke an, sonst wirst Du krank..." oder "Du erkältest Dich, wenn Du mit nassen Haaren rausgehst" – dieser Eltern-Mythos hat viele Gesichter. Warum in ihm wirklich nur ein Hauch von Wahrheit steckt

Kolumnen
Von Anna Biß, 02.05.2022 0 Kommentare

Ein Frühlingstag im April, 12 Grad, mein Kind rennt barfuß durchs noch restfeuchte, kühle Gras. Und sofort meldet sich bei mir wieder Muttis Stimme in meinem Kopf: "Oh, oh, zum Barfußlaufen ist es aber noch zu kalt. Das Kind wird krank!"

Und ja, ich gestehe, auch ich sage den Spruch recht häufig: "Wenn Du dies oder das (nicht) machst, wirst Du krank..." Genauso wie meine Mutter früher, wenn wir im Schwimmbad waren und ich mir nicht die Haare föhnen wollte: "Setz' wenigstens die Kapuze auf, sonst erkältest Du Dich!"

Und ich erlebe es immer wieder, dass sich auch bei anderen Eltern dieser Mythos nachhaltig hält: Erkältung kommt von Kälte. Eltern, die ihre Kinder aber bei 12 Grad barfuß und ohne Jacke herumlaufen lassen, werden schräg angesehen. Zu Unrecht?

Im Grunde ja: Denn krank macht nicht die Kälte, sondern Viren und Bakterien, also winzig kleine Krankheitserreger. Ohne sie werden wir nicht krank und wenn wir noch so oft, ohne Schuhe, Jacke oder mit nassen Haaren rausgehen.

Dennoch steckt – wie bei so vielen Mythen – auch in diesem Mutti-Mythos ein Körnchen Wahrheit: Zwar kommt Erkältung nachweislich nicht von Kälte, wie man früher dachte. Aber Erkältungsviren haben bei kaltem Wetter dennoch ein leichteres Spiel.

Dass jeden Herbst und Winter wieder Erkältungshochsaison herrscht, hat mehrere Gründe: Erstens fühlen sich Viren bei trockener, kühler Luft wohler als bei warmer, feuchter Luft. Sie überleben also länger. Dadurch erhöhen sich auch ihre Chancen, auf menschliche Schleimhäute zu treffen, auf denen sie sich ansiedeln können. Zweitens halten wir uns im Winter mehr in geschlossenen, oft stickigen Räumen auf als im Sommer. Und spätestens seit Corona wissen wir alle: Drinnen, in schlecht gelüfteten Räumen ist die Ansteckungsgefahr höher. Drittens werden unsere Schleimhäute, beispielsweise in der Nase, anfälliger für Viren und Bakterien, wenn sie austrocknen – zum Beispiel durch Heizungsluft. Viertens wird der Körper bei Kälte schlechter durchblutet. Dadurch sind weniger von dem im Blut befindlichen Immun-, also Abwehrzellen in unserem Körper unterwegs.

Daher können die Schleimhäute, wenn sie stark auskühlen, beispielsweise durch sehr kalte Winterluft, anfälliger für Krankheitserreger sein. Kalte Luft kann (!) dem Körper die Arbeit gegen die Erkältungsviren also erschweren. Der Zusammenhang zwischen nassen Haaren oder Kälte und einer Erkältung, ist unter Medizinern dennoch umstritten. Selbst die Annahme, dass gesunde Menschen, wenn sie frieren UND Viren in der Nähe sind, eher krank werden, konnte bisher nicht sicher nachgewiesen werden.

Der beste Schutz gegen Erkältungen ist und bleibt immer noch: den Viren so gut es geht aus dem Weg gehen, regelmäßiges und gründliches Händewaschen sowie sich nicht mit den Händen ins Gesicht fassen!

Also Mutti: Ein gesundes Kind, das bei 12 Grad barfuß, ohne Jacke und mit nassen Haaren draußen spielt, wird sich zumindest allein davon nicht erkälten. Aber eins ist sicher – so viel habe ich als "junge" Mutti schon gelernt: Die nächste Erkältung kommt bestimmt! So oder so.


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